„Ich finde das sehr mutig“ oder „Ich bewundere ihren Mut“ – solche oder ähnliche Aussagen habe ich während meiner Transition sehr häufig zu hören bekommen. Zum Einen sind es wirklich schöne Komplimente und zum Anderen zeugen sie von Respekt für diesen ach so „schweren“ Weg. Doch hatte es wirklich etwas mit „Mut“ zu tun? Versteht mich nicht falsch, aber eigentlich war ich mein Leben lang feige. Und nicht ein klein wenig feige, sondern so richtig arg *piep* feige. Ich mein, ich bin immer vor allem davon gerannt. Letztendlich auch vor mir.

Wie ist es sonst zu erklären, dass es solange gedauert hat, bis ich es nach Außen getragen habe? Und wohl es heute noch verdrängen würde. Wenn, ja, wenn der Druck nicht so übermächtig groß geworden wäre, als dass ich keinen anderen Ausweg mehr für mich sehen konnte. Egoistisch – dieser Begriff kreiste in meinem Kopf. Einmal in meinem Leben war ich wirklich egoistisch und es war gut. Selbst das es bedeutet hat, dass ich den Kontakt zu einem lieben Menschen (meinem Stiefsohn) verloren habe.

Doch darum soll es hier jetzt gar nicht gehen – genauso wenig um meine Transition. Das ist Geschichte. Viel mehr möchte ich beleuchten, dass ich nicht die Person bin für die mich viele halten. Ich bin nicht mutig und war es nie wirklich. Ich will es aber sein. Scheitere an mir selbst. Scheitere an meinem mangelnden Selbstvertrauen. Ich bring es, wie letztes Wochenende, nicht mal fertig alleine auf eine Party in einem Club zu gehen.

Zu groß die Angst nur in der Ecke zu stehen – vor Ablehnung – und den Weg dorthin umsonst gemacht zu haben. Unbekannten Menschengruppen begegne ich immer mit großer Skepsis. Woher das kommt weiß ich leider zu gut. Die Wurzeln liegen in der Kindheit / Jugend, als ich regelmäßig von einer Clique verfolgt und verprügelt wurde. Also versuche ich es zu kompensieren und suche nach bekannten Menschen (Freunden), die dort tendenziell hingehen würden. Findet sich so eine Person nicht, ziehe ich den Kopf ein und verkrieche mich tief zurück in meinen Fuchsbau. *Gedankensprung*

Ich stelle mich gerne in die zweite Reihe. Lasse immer allen anderen den Vortritt. Hauptsache die Augen sind nicht auf mich gerichtet. Dabei sollte ich gerade jetzt – und vor allem nach der Transition – zu mir stehen und das machen auf was ich Lust habe. Eben das Leben genießen. Den Mut haben etwas zu riskieren. Ich weiß aus eigener schmerzlicher Erfahrung wie schnell und unerwartet das Leben (der Tot meiner Mutter) vorbei sein kann.

Sich selbst Mut machen

Also warum dann jetzt diesen Beitrag? Wenn es doch für mich klar ist, wo meine Probleme liegen und ich weiß wo dran ich arbeiten muss? Der Blog war von Anfang an für mich Ventil und Therapie. Ich habe hier immer alle meine Sorgen und Ängste aufgeschrieben – auch wenn ich sie zum Teil nie veröffentlicht habe – so ist es mein Weg mit mir (und auch mit euch) – gewisse Dinge auszumachen. Mit anderen Worten ich möchte mir selbst mit diesem Beitrag sagen, dass ich einfach Dinge machen sollte, statt hinter her meine Entscheidung (etwas nicht getan zu haben) zu bedauern. „Life is too short for regrets“

Ich muss nur an mich selber glauben und mir Mut zu sprechen, dass egal was ist – mir wird in den Situationen nichts passieren und im blödesten Fall war es einfach eine blöde Erfahrung mehr. Was aber auch nicht unbedingt negativ ist. Denn die Summe aller Erfahrungen und Entscheidungen machen uns zu dem Menschen der wir sind. Ich muss es einfach nur wagen. Raus aus meinem Schneckenhaus und raus aus der Sicherheitszone. Hinein ins Leben.

So wie ich am Wochenende relativ spontan einer Einladung von Herrn Falbalus auf einen oder mehr Kaffee gefolgt bin. Klar war es nur eine 1:1 Situation und mit der hatte ich noch nie Probleme, aber an dieses „einfach machen und nicht drüber nachdenken“ sollte ich mich gewöhnen. Denn alleine die Begegnung am Wochenende hat mein Leben um einiges bereichert. Danke dafür und wer weiß was für Erlebnisse ich sonst noch verpassen könnten oder schon verpasst habe – nur weil mir der letzten Funke Mut fehlte.

In diesem Sinn. Ellen hab den Mut und trau dich was. Du bist viel toller und zu viel mehr fähig als Du Dir selbst zugestehst. Oder wie war das Du kannst nicht tanzen? Beweise! Sei ab und zu auch mal egoistisch und Lebe im hier und jetzt!

Alles Liebe
Ellen