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inige von Euch haben mich vor ein paar Wochen gefragt, ob ich nicht einmal etwas über den Alltag unserer Familie im „Trans*-Kontext“ schreiben könnte. Als ich dann die Woche noch eine Anfrage bzgl. einer Reportage zu genau diesem Thema bekam – dachte ich mir, dass es vielleicht dann doch nicht so ungeschickt wäre es einmal in den Fokus zu nehmen und genauer zu beleuchten. Schließlich scheint es darüber wohl kaum Informationen oder Erfahrungsberichte zu geben und viele fragen sich unter Umständen sogar: „Trans und Familie – geht das wirklich gut?“

Vorweg möchte ich Euch noch darauf hinweisen, dass es sich bei dem folgenden Text nur um meine / unsere persönliche Erfahrungen handelt und diese ganz sicher nicht zu verallgemeinern und auch nicht immer übertragbar sind. Jede Situation / Konstellation ist anders und kann zu anderen positiven oder negativen Ergebnissen führen. Allerdings können die Erfahrungen Euch vielleicht ein paar Anhaltspunkte geben, wie sich ein Familienleben gestalten kann, wenn einer der Elternteil transsexuell / transident ist.

Um es Euch etwas übersichtlicher zu gestalten, habe ich den folgenden Text in kleinere Zeitabschnitte unterteilt, so könnt Ihr ganz einfach schnell zu dem für Euch relevanten Teil springen.

I.) Zeit vor dem Outing

Ich hatte schon immer die Tendenz sehr fürsorglich, schon fast mütterlich mit anderen Kindern und Menschen, zu sein. Teilweise wurde es mir zum Verhängnis, teilweise aber auch nicht. Empathie kann eben Fluch und Segen zu gleich sein. Auf jeden Fall war ich schon, so lange ich denken kann ein starker Anziehungspol für Kinder. Kein Urlaub, keine Familienfeier oder andere Aktitvität an dem sich die Kinder nicht auf mich gestürzt und Zeit mit mir eingefordert hätten. Ich habe es immer gemocht, auch wenn ich mittlerweile für einige Dinge zu alt (bzw. zu unbeweglich) bin.

So wie es diese fürsorgliche Seite in mir gab und natürlich immer noch gibt, so gab es auch einen inneren Widerstand / Kampf diese Seite und anderen Charaktereigenschaften nicht zulassen zu können. Erlebnisse aus der Kindheit und Jugend hatten eben ihre Spuren hinterlassen und so versuchte ich immer krampfhaft alles was in meinen Augen zu „weiblich“ oder zu „unmännlich“ erschien zu vermeiden und bis zum Äußersten zu verleugnen.

Dieser innere Kampf und die Unzufriedenheit, es nicht ändern zu können, verwandelten mich mehr oder weniger in ein lebendes hochexplosives Pulverfass. Wurde der Stress für mich zu groß wurde ich furchtbar ungerecht. Maulen, meckern und schimpfen brachten nur keine Linderung, sondern führten nur dazu dass ich mich noch schlechter fühlte als zuvor. Ich hatte die Menschen um mir herum verletzt! Ein absolutes No-Go. In wieweit die männlichen Hormone da noch reinspielten mag ich gar nicht beurteilen.

Auf jeden Fall zog ich mich danach meist mit Magenkrämpfen zurück – brach in Tränen aus und wollte von mir und der Welt nichts mehr wissen. „Das eben war ich nicht“, „Warum bin ich so“, „Ich will niemanden seelisch wehtun“ – waren so die üblichen Gedanken danach. Klar, es gibt auch Momente in denen man als Elternteil ernst und bestimmt sein sollte, aber eine gewisse Grenze darf in meinen Augen nicht überschritten werden. Egal ob die wie in meinem Fall schon recht selten waren.

Als mir dann im Laufe der Zeit meine Transsexualität / Transidentität wieder bewusst wurde, konnte ich noch gar nicht abschätzen, dass das eben genannte Problem hauptsächlich an der eigenen Verdrängung lag. Zu mal, das „wieder bewusst werden“ erstmal dafür sorgte, dass ich mich noch mehr in mich zurück zog und es sogar verschlimmerte. Zu sehr war ich mit mir selbst beschäftigt und zu viel musste ich erst einmal neu einordnen, sortieren und verarbeiten. Kein Wunder dass ich in dieser Phase mehr oder weniger nur noch „mechanisch“ funktionierte. Für meine Familie war es ganz sicher nicht leicht, wussten sie ja nicht was mit mir los war.

II.) Outing – Die heiße Phase

Als ich dann nach der depressiven Selbstfindungsphase die ersten Schritte in Richtung Outing bei meiner Partnerin machte, war mein ganzes Verhalten noch so als ob ich mit angezogener Handbremse fahren würde. Zu unsicher und zu groß war die Angst alles durch diese Erkenntnis zu zerstören und zu verlieren. Also brauchte ich ganze drei katastrophale Anläufe um ihr reinen Wein einschenken zu können. Ein Martyrium was ich ihr und mir am liebsten im nachhinein erspart hätte.

Aber wer kann schon ahnen, dass es so gut laufen würde? Schließlich liest man häufiger von anderen, bei denen die Familie danach komplett auseinander gebrochen ist, als von positiven Erfahrungen.  Doch das Outing wäre so oder so nicht mehr aufzuhalten gewesen. Das Wasser bzw. die Seele hatte seinen Weg durch die Mauer gefunden und drang immer mehr nach Draußen. Aus einem Rinnsal wurde ein Sturzbach und ich hatte wahnsinniges Glück mit meiner wundervollen verständnisvollen Partnerin zusammen zu sein.

Nach diesem ersten großen Schritt beschlossen wir gemeinsam die älteren (fast erwachsenene) Kinder als erstes einzuweihen. Die Reaktionen waren vermutlich auf Grund der nötigen geistigen Reife (bzw. toleranten Erziehung)  auch völlig entspannt.  Nicht ein einziges der drei Kinder machte auch nur den Anschein, als sei es nicht in Ordnung. Sie behandelten mich mit anderen Worten danach auch nicht anders als vorher.

Mit diesen positiven Erlebnissen im Rücken ging es dann dran die Kleinste (damals gerade neun Jahre) behutsam auf das Outing vorzubereiten. Nur wir fängt man so etwas an? Ein Handbuch gibt es schließlich dafür, wie für das Leben, eben nicht. Ich entschied mich den Weg über Dokumentation zu gehen und schaute mit ihr Reportagen / Berichte / YouTube-Videos in denen es um andere „Betroffene“ ging.   – Als Tipp: Bitte schaut Euch wenn Ihr es ähnlich machen wollt, euch vorher die Sachen alleine an und klärt ob es für das Kind auch in Ordnung ist und zwingt das Kind nicht dazu es anzuschauen. –

Nun aber wieder zurück zum Thema. Es dauerte natürlich eine Zeit lang (mehrere Wochen) bis sie etwas damit anfangen konnte. Anfangs war sie nur fasziniert über die Menschen und dass es so etwas überhaupt gibt. Wir sprachen viel über die gesehenen Dinge und wie es für diese Menschen wohl sein muss, bis sie eines Tages sich an mir drückte und zu mir sagte: „Du Papi? Du kannst auch eine Frau sein, wenn Du willst!“. Ab diesem Zeitpunkt wusste ich, dass es langsam an der Zeit war es ihr zu sagen.

Ich machte mir Gedanken, wie ich es ihr mit ganz viel Fingerspitzengefühl bei bringen sollte und fing an es ihr kindgerecht zu erklären. Es ist halt wichtig, dem Kind die Angst zu nehmen, dass sie einen geliebten Menschen verliert. Ich denke diese Verlustängste wird von vielen einfach beim Outing unterschätzt. Man ist und bleibt eben immer Papa oder Mama. Klar ändert sich die Optik und evtl. der Name – Nur müssen die Kinder auch sehen, dass es immer noch der selbe Mensch ist. Eben nur zufriedener und glücklicher. Quasi Papa oder Mama 2.0.

III.) Nachdem Outing

Nachdem Outing ist nichts mehr wie vorher! Ist das wirklich so? Klar, es ändert sich einiges – aber bei Weitem nicht alles! Ich bin noch immer Papa, Stiefvater oder einfach für die volljährigen Kinder Ellen. Wir haben sie eben nie gezwungen, mich anders zu nennen. Es galt halt immer „Ihr nennt mich so, wie ihr euch am wohlsten fühlt.“ und der Rest kam mit der optischen Veränderung von ganz allein. Ganz ehrlich eine Bezeichnung wie Mama wäre auch anmaßend, egal wie gern ich das auch wäre.

Für die Großen war, wie vorhin schon geschrieben, mein Outing überhaupt kein großes Ding. Zum Einem sind sie schon relativ selbstständig und zum Anderen so offen, dass es keinerlei Berührungsängste mit dem Thema Transsexualität gab. Klar, als die Freunde zum ersten Mal zu Besuch kamen, war es ihnen mit Sicherheit etwas mulmig. Doch kann ich persönlich von nicht einem einzigen negativem Erlebnis berichten. Viel mehr wurde es einfach nur zur Kenntnis genommen und das war es.

Die Kleinste kam mit dem Outing dann übrigens noch besser zu recht. Voller stolz ging sie am nächsten Tag in die Schule und erzählte gleich im Unterricht: „Mein Papa ist übrigens eine Frau“. Der Anruf der Klassenlehrerin kam prompt. Oh man, war ich da überfordert. Aber ein paar persönliche Gespräche und die Sache war geklärt. Vor allem auf Hinblick zum Thema Mobbing empfiehlt es sich die Schule / Hort / Mittagsbetreuung schnellstmöglichst ins Boot zu holen. Nur so kann man ggf. gleich gegensteuern und den größten Schaden für das Kind abwenden.

Zum Mobbing kam es übrigens nie – was ich echt positiv finde. Habe ich als Kind doch selber ganz andere Dinge erlebt. Aber kommen wir wieder auf den Stolz der Tochter. Kaum aus der Schule fing sie dann an mich bei den Nachbarn zu outen.  Es war für sie einfach das Selbstverständlichste der Welt. Mein Papa ist eine Frau und das ist gut so. Zumindest sorgte sie so dafür, dass mein Outing an Fahrt gewann. Übrigens dachte sie sich für mich den Spitznamen PaMa aus .. weil Du bist ja „Mein Papa, aber auch irgendwie eine Mama“.

Doch wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten und ich möchte Euch diese dunkle Seite nicht vorenthalten. Die Mama von meiner Tochter und mein (Stief-)sohn brachen ganz kurz nach meinem Outing den Kontakt ab. Sie wollte die Kleine nicht mehr sehen, weil sie ein Problem mit mir hatte. Erst nach ein paar Wochen und Kontaktaufnahme von uns war es ihr dann wieder möglich sie, zumindest ohne mich zu sehen, zu holen. Mittlerweile hat es sich aber auch wieder beruhigt und normalisiert. Allerdings ist der Kontakt zum Sohn, den ich über zehn Jahre wie meine eigenes Kind behandelt habe, völlig abgebrochen. Ein Punkt mit dem ich, auch wenn es weh tut, jeden Tag leben muss.

IV.) Der Alltag kehrt ein

Jetzt, nach etwas mehr als 2 Jahren ist in unser kleinen fünfköpfigen Patchwork-Familie wieder Ruhe eingekehrt. Das Thema Transsexualität spielt eigentlich kaum noch eine Rolle. Klar liegt vor mir persönlich noch einiges (die Bartepilation, die Geschlechtsangleichende Operation, etc.) aber die größten Baustellen sind geschlossen. Alle Freunde und Bekannte von uns und den Kindern wissen bescheid. Und ich habe meine Partnerin noch vor der Vornamens- und Personenstandsänderung geheiratet. Ein Bekenntnis von uns beiden, dass wir trotz allem fest zueinander stehen. Die Liebe überwindet manchmal doch so einiges.

Außerdem unterdrücke ich keinen Teil meiner Persönlichkeit mehr, was sich erheblich auf die Erziehung wieder spiegelt. Wie sagt die Kleinste meistens: „Papa, Du bist jetzt so viel glücklicher und lieber als vorher“. Das alleine zeigt doch schon, dass es dringend nötig und sinnvoll die Mauern einzureißen und den Weg der Transition zu gehen. Klar gibt es immer noch mal ein paar hitzige Wortgefechte – gerade mit der großen Tochter  –  doch kommen die nur noch ganz ganz selten vor und meistens entschuldigen wir uns danach direkt.

Mit anderen Worten. Wir sind mittlerweile eine ganz „normale“ Familie. Normal in dem Sinn dass wir wie die gleichen Ängste, Probleme,Sorgen und schönen Momente haben wie andere Familien auch. Und vielleicht nicht ganz so „normal“, weil es eben zwei gleichgeschlechtliche Elternteile gibt, bei denen einer Trans* ist. Was aber nichts besonderes mehr sein sollte. Schließlich geht es doch nur darum, dass alle glücklich und zufrieden sind.

In diesem Sinn möchte ich den für mich emotionalen Beitrag nun schließen und frage noch mal abschließend „Trans und Familie – geht das wirklich gut?“. Ja, es kann gut gehen und nein, eine Garantie das es es funktioniert gibt es nicht. Die gibt es bei keiner Familie und bei keiner Beziehung. Trennungen von Partnern ist mittlerweile nichts ungewöhnliches mehr. Man lebt sich auseinander oder es gibt einfach keine gemeinsamen Berührungspunkte mehr. Es ist wie mit allem. An einer erfolgreichen und glücklichen Beziehung müssen immer beide Partner arbeiten.

Liebe Grüße
Ellen

Nachtrag: Nun ist mir doch tatsächlich noch etwas eingefallen. Vor Kurzem hat sich meine Tochter bei mir beschwert, dass sie die Erwachsenen nerven. Ständig wird sie von denen gefragt ob es für sie mit mir in Ordnung ist. Zitat: „Was denken die sich! Wenn es Probleme geben würde, würde ich schon was sagen.“. So viel zum Thema Normalität.