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as Jahr neigt sich dem Ende zu. Was ist da besser als einmal alles im Geiste Revue passieren zu lassen, was in den letzten 4 Monaten so in meinem Leben geschehen ist. Der emotionale Tiefpunkt im August/September, an dem ich kurz vor einer Depression stand. Der Druck von Innen den ich nicht mehr standhalten konnte und dann endlich aus mir nach langer Zeit heraus brach. Es war quasi, die Geburt von Ellen. Ellen, die eigentlich schon immer da war, aber nur im Schatten kauernd leben durfte. Auch wenn sie immer mal wieder kurz atmen durfte. Nun ist sie, nun bin ich frei … die innere Unruhe und der ständige Kampf gegen mich selbst bestimmen nicht mehr mein Leben und ich kann mich mehr auf mich selbst konzentrieren und schauen was ich wirklich brauche.

Darüber hinaus habe ich es geschafft mich bei meiner Partnerin zu outen – auch wenn ich mich alles andere als geschickt dabei angestellt habe – was habe ich mich da doof angestellt. Ich hoffe sie wird es mir irgendwann verzeihen können, dass ich nicht direkt zum Punkt gekommen bin. Auf jeden Fall bin ich froh und glücklich dass sie weiterhin an meiner Seite ist. Als selbstverständlich kann ich das nicht voraussetzen.

Kurz nach dem Outing besuchte ich dann zum ersten Mal eine Selbsthilfegruppe. Das war für mich ein riesen Schritt. Schließlich habe ich mein Leben lang immer versucht alles mit mir alleine auszumachen. Es hat mir auf jeden Fall soweit geholfen, dass ich sehen konnte, dass es sich auch noch mit 39 Jahren lohnen kann den Weg der Transition zu gehen. Auch dadurch bestärkt erhoffe ich mir, den Weg weiter gehen zu können und irgendwann in naher Zukunft die Person zu sein, die ich im Grunde immer war und mich nicht mehr hinter einem Vorhang verstecken zu müssen.

Anfang Dezember erfolgte das Outing bei meinem Vater, der es sehr sehr locker aufgenommen hatte. Ich hatte zwar die Hoffnung, dass er es akzeptieren kann – dass er es aber so leicht aufgenommen hat hat mich dann doch überrascht. Hoffen wir nur, dass er auch wirklich verstanden hat, was ihn erwarten wird. Schließlich werde ich auf absehbarer Zeit wohl nicht mehr sein Sohn, sondern seine Tochter sein. Ich denke aber schon, dass er damit zurecht kommen wird.

Motiviert von den bisher positiven Reaktionen versuchte ich dann kurz vor Weihnachten einen Termin für das nächste Jahr bei einer Psychotherapeutin auszumachen. Leider waren die dort aber bereits im Weihnachtsurlaub und erst wieder zwischen den Feiertagen wieder erreichbar, so bekam ich den ersten kleinen Dämpfer.

Dennoch war das positive Gefühl aus den ersten Outings und der Wille es endlich in Angriff zunehmen so groß, dass ich mich Weihnachten auch bei den großen Kindern meiner Liebsten offenbarte. Die Reaktionen hätten besser fast nicht sein können. Die siebzehnjährige Tochter lachte und meinte das wäre unsere/meine Sache und es wäre ihr egal. Sie nahm es also sehr sehr locker auf – auch als wir gesagt haben, dass wir trotzdem heiraten wollen – wer hätte dass vorher gedacht. Als letztes stand dann noch der volljährige Sohn an, aber auch dieser lachte und meinte ähnlich wie seine Schwester dass es ihm egal wäre.  So schnell kann es also gehen, da mache ich mir Tage lang vorher Gedanken wie ich es anpacke und wie ich reagiere, wenn sie damit nicht zurecht kommen und dann ist es fast ein Selbstläufer. Was meinte die Tochter noch, sie hätte schon gemerkt dass etwas anders ist, da ich seit kurzen engere Hosen trage. Hosen wie sie im Normalfall nur von Frauen getragen werden. So kann es gehen.

Als nächstes steht damit nur noch das Outing bei meiner eigenen Tochter an. Das wird vermutlich ein größerer Anlauf werden. Aber auch das werden wir/ich schon irgendwie hinbekommen. Vielleicht ist sie ja auch schon viel weiter als ich denke. Schließlich kam ja einmal der Satz von Ihr „Papa, Du kannst auch ein Mädchen sein, wenn Du willst.“ .. Trotzdem werde ich es langsam und behutsam angehen und wenn es Stück für Stück mit Reportagen über transsexuelle/transidente/transgender Menschen ist. Nur hat sie auch irgendwie ein Recht zu erfahren, was mit ihrem Papa wirklich los ist. So hab ich auf jeden Fall schon ein erstes Ziel für das Jahr 2015.

Das ich nicht immer selbst für ein Outing sorgen muss erlebte ich am zweiten Weihnachtsfeiertag. Meine Liebste und ihre Schwester unterhielten sich und da kam es dann unter den Beiden auch dazu, dass sie über mein Transsexualität sprachen. Um ehrlich zu sein. Das macht es mir um einiges einfacher und ich bin schon froh, dass ich es nicht machen musste. Denn ich glaube ich hätte mich nur wieder zu ungeschickt dabei angestellt. Vor allem, denke ich das Geschwister einfach besser miteinander reden können.

Nach den Feiertagen erreichte ich dann endlich die Psychotherapeutin und machte einen Termin (20.04.2015) mit der Begründung das ich Begleitung für meinen weiteren Weg als Transfrau benötige. Die waren auch sehr freundlich am Telefon, so dass ich mir aktuell keine Gedanken mache, dass es nicht passen könnte. Genaueres werde ich sowieso erst beim Erstgespräch sehen. Auf jeden Fall freue ich mich schon heute auf den Termin. Dieser wird mich wieder einen großen Schritt nach vorne bringen. So hoffe ich zumindest. Auf jeden Fall ist die Richtung klar und ich habe ein Ziel bis dahin auch als Frau in die Praxis zukommen. Vielleicht sollte ich auf mein Schatz hören und ebenfalls noch im Januar einen Termin bei einem Endokrinologen nach dem 20. April ausmachen. So könnte ich zumindest lange Wartezeiten umgehen. Sollte ich keine Überweisung dorthin bekommen, kann ich den Termin ja noch immer Absagen. Aber hoffen wir mal, dass es nicht nötig sein wird.

Wer weiß was das nächste Jahr bringen wird? Ich zumindest freue mich drauf! Auch wenn es noch ein langer langer Weg sein wird, der vor mir liegt. Aber eines Tages werde ich diesen Weg gegangen sein und endlich dort angekommen sein, wo ich schon immer hätte sein sollen. Bleibt nur zur hoffen, dass ich auf dieser Reise die Menschen die mir wichtig sind mitnehmen kann.

In diesem Sinn wünsche ich Euch allen einen guten Rutsch und ein gesundes und erfolgreiches Jahr 2015 ! Mögen alle Eure Wünsche und Ziele in Erfüllung gehen.

Liebe Grüße
Ellen