D

as Jahr 2016 neigt sich so langsam dem Ende zu. Es war turbulent, es war aufregend – manchmal enttäuschend, aber im Groben und Ganzen dann für mich ein erfolgreiches und tolles Jahr. Vieles habe ich erreicht, von dem ich vorher einfach nicht zu träumen wagte und wurde doch immer wieder überrascht wie unproblematisch, es dann im Nachhinein war. Dass was früher noch so unerreichbar erschien, ist mittlerweile Realität und mein Alltag als Frau Normalität. In dem nun folgenden Jahresrückblick 2016 möchte ich Euch mit auf die Reise durch mein Jahr der Transition nehmen. Ich hoffe es gefällt Euch.

– Warnung der Text ist diesmal etwas länger –

Vornamens- und Personenstandsänderung (VÄ/PÄ)

Das Jahr 2016 begann damit, dass ich meinen Antrag für die Vornamens- und Personenstandsänderung (VÄ/PÄ) beim Amtsgericht Nürnberg einreichte. Es war für mich der nächste konsequente und logische Schritt auf dem Weg meiner Transition. Über ein Jahr lebte ich nun schon dauerhaft als Frau. War fast überall geoutet. Nur meine Kunden, mit denen ich nur telefonischen Kontakt hatte, wussten noch nichts.

Ich bekam mittlerweile sogar manchmal Probleme mit dem Bezahlen – „Das ist nicht ihr Karte“ – Verwirrte Blicke und ein darauf folgendes Lächeln lösten es meistens in Wohlgefallen auf. Dies sollte sich dies Jahr nun endlich ändern! Ich wollte eben auch rechtlich abgesichert sein. Ich brachte den Antrag also zur Post und knapp eine Woche später hatte ich bereits meinen Anhörungstermin beim zuständigen Richter in Nürnberg.

Wow! – Das ging schnell. Trotz aller Nervosität überstand ich den Termin bei Gericht ganz gut. Bekam meine Gutachter zugewiesen und der Richter sagte mir noch, dass er eigentlich keine Sachverständigen bräuchte, ihm da aber die Hände gebunden sind und er den Amtsweg einhalten muss. Eigentlich sehr schade, dass es dann doch so kompliziert sein muss. Die Zeit verging schnell und ich hatte mein ersten Termin zur Begutachtung. Mit Kopfschmerzen war dass alles andere als toll. Ich wurde mit vielen vielen Fragen durchlöchert. Der Psychotherapeut wühlte sich tief durch meine längst verdrängten Erinnerungen und verunsicherte mich zusehends. Am Schluss brachte ich sogar die zeitlichen Zusammenhänge durcheinander.

Auf jeden Fall hatte er nach dem Gespräch keine Zweifel mehr und teilte mir mit, dass er meinen Antrag durchaus befürworten wird. Knapp eine Wochen später, hatte ich dann auch das positive erste Gutachten für die Vornamens- und Personenstandsänderung in den Händen. Die erste Etappe war geschafft. Über zwanzig Seiten inklusive IQ-Test hatte er zu Papier gebracht. Wahnsinn! Das nennt man dann wohl gründlich? Mein zweites Gutachten dauerte, dann zu meiner Verwunderung, wesentlich länger. Meine Therapeutin hatte wohl nicht damit gerechnet dass sie über mich eins erstellen sollte. Doch eine richterliche Anweisung ist sehr wahrscheinlich folge zu leisten. Dass es natürlich auch für mich positiv war, muss ich Euch wohl nicht sagen. Am 14. Mai 2016 erhielt ich den Beschluss, dass ich ab sofort auch ganz offiziell Ellen Marie heißen werde. *herz*

Diesen Moment und das Gefühl werde ich wohl nie wieder vergessen. Ich schwebte irgendwo zwischen Wolke 7 und ganz ganz weit weg. Kurz um, das Glücksgefühl war so übermächtig, dass mir sogar Tränen in die Augen schossen. Die Behördengänge um die Daten überall ändern zu lassen waren natürlich nervig, aber auch total schön. Genauso wie der Moment an dem ich meinen neuen Ausweis in Empfang nehmen konnte. Mein Highlight für 2016.

Trans* Tagung München

Im Mai 2016 war ich, kurz bevor der Beschluss vom Amtsgericht kam, aus reiner Neugier auf der Trans* Tagung in München. Viel hatte ich ja schon von dieser Veranstaltung gehört. Mal positiv, mal negativ – aber persönlich hatte ich sie eben noch nicht besucht. Das sollte sich dies Jahr ändern. Außerdem war es für mich mal interessant andere Betroffene (blödes Wort) außerhalb der lokalen Selbsthilfegruppe zu treffen.

Die schiere Menge an Menschen auf der Tagung haben mich fast erschlagen. Ein wenig chaotisch und für den Anfang doch etwas überfordernd. Also verfiel ich mal wieder in mein typisches Verhaltensmuster. Distanz schaffen und die Leute um mich herum analysieren. Vielleicht war es auch der Hauptgrund warum ich nur wenig Kontakte knüpfte. Ich hab in meinem Leben eben viel zu viele schlechte Erfahrungen gemacht – aber irgendwann nervt es mich nur noch, dass ich nicht offen auf die Menschen zu gehen kann.

Aber zurück zur Veranstaltung. Mir persönlich hat sie nun nicht wirklich die große Erkenntnis verschafft. Klar habe ich einige Workshops besucht – Gebracht haben mir die meisten aber kaum was. Vermutlich lag es auch einfach daran, dass ich zu dem Zeitpunkt mental schon viel viel weiter für mich war. Dennoch gab es auch wirklich schöne Augenblicke. Wie z.B. sich einfach mal ungezwungen, losgelöst von jedem Trans*-Thema, unterhalten zu können. So sollte Networking doch sein, oder? Ich brauch definitiv mehr davon …

Mein Highlight der Tagung war aber ein ganz spezieller Workshop. Hier sollte man über eine zufällig andere Person aufschreiben, was man über sie und ihrem Leben denkt oder meint zu wissen. Nicht ganz leicht, wenn man so gar nichts über sein gegenüber weiß. Ich bekam dann eine Beschreibung über mich, die ich ganz toll fand und Euch nun endlich zeigen möchte. Die Person hat es eigentlich ganz gut getroffen wie ich finde.

Du heißt Kristina, kommst aus Franken, bist bei Deinen Eltern und drei Geschwistern aufgewachsen. Du bist 23, hast eine Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht, machst weniger Sport, triffst Dich gern mit Freunden und liest gerne Bücher. Du bist ein ruhiger Mensch.

Leider gab es nicht nur positives .. aber das ist wohl immer so, wenn viele verschiedene Menschen auf einander Treffen. Ob ich nochmal eine Tagung in der Richtung besuche, steht auch in den Sternen – Wenn dann nur um Kontakte zu knüpfen.

Antrag GaOP (Geschlechtsangleichende Operation)

Zum Jahresende stellte ich dann den Antrag für meine Geschlechtsangleichende Operation (GaOP) – die hoffentlich nicht in allzu ferner Zukunft stattfinden wird. Mehr als drei Monate war ich damit beschäftigt, alle benötigten Unterlagen zusammen zu tragen. Was für ein Aufwand! Und was für eine riesige Frustration, wenn man allen Dingen hinterher laufen darf. Ich hasse es abhängig zu sein. Und doch, hab ich eins gelernt. Geduld! Geduld und nochmals Geduld!

Wenn Dir eine Stelle / ein Arzt sagt, die Unterlagen sind bald oder zeitnah fertig – kann es nächste Woche oder aber auch in drei Monaten bedeuten. Bald ist eben nicht für alle das Gleiche. So verwundert es dann auch bestimmt keinen von Euch wie froh ich war, als ich den Antrag endlich abschicken konnte. Dass ich eh jemals an diesen Punkt stehen würde, hätte ich vor über zwei Jahren sowieso nie und nimmer gedacht.

Genauso wie sich eben meine Einstellung gedreht hat – Von „die Operation mach ich nie und nimmer“, hinzu „ohne die Geschlechtsangleichung geht es nicht mehr“. Momente an denen ich das Gefühl hatte, sofort aus dem Körper fahren zu müssen, weil es einfach nicht mehr ertragbar waren, belehrten mich halt eines Besseren. Sich unwohl in seiner Haut fühlen ist eine Sache, sich aber wie eingesperrt und eingeengt, in seinem Leben und Wesen zu fühlen eine ganz andere. Klar wird die Operation das nicht lösen, aber es hilft mir mich besser anzunehmen auf jeden Fall.

Außerdem macht es so ein paar andere Dinge, wie ein Besuch in der Sauna etc. leichter. Als die Genehmigung von der Krankenkasse kam, verwundert es wohl dann auch keinen, dass ich völlig neben mir stand. Ich musste mich erst mal setzen. Hatte ich doch mit einer Absage und einem langen Kampf gerechnet. Es dauerte also ein paar Augenblicke bis der Groschen endgültig fiel und meine Freude über die Zusage keine Grenzen mehr kannte. Die Weichen für die letzten großen Etappen meiner Transition sind also gestellt.

Persönliche Entwicklung

Persönlich hat sich bei mir in diesem Jahr viel verändert. Nein, ich bin immer noch genauso glücklich mit meiner Liebsten und plane mich auch nicht von ihr zu trennen. Dafür sind meine Gefühle viel zu stark, als dass ich das auch nur in Erwägung ziehen könnte. Mit persönlicher Veränderung meine ich also ganz andere Dinge, wie z.B. meine Einstellung zum Thema Trans* und anderen Menschen gegenüber.

Am Besten fange ich mit dem Thema Selbsthilfegruppe (SHG) – Es ist gut dass es sie gibt. Doch irgendwann kommt man – oder man sollte dahin kommen – an den Punkt an dem einem die Gruppe selbst nichts mehr für die eigene Entwicklung bringt. Man so gefestigt ist, dass man mit sich und der Thematik soweit im Reinen ist. Hilfe zur Selbsthilfe. Was wenn aber man keine Hilfe mehr benötigt? Dann verbringt man seine Zeit dort nur noch um andere zu helfen. Was aber, wenn es schon genug andere gibt, die diese Sache ausgezeichnet machen?

Man zieht sich einfach zurück und geht anderen wichtigeren privaten Dingen nach (z.B. Shoppen, Hobbies, etc.) – Genau das habe ich irgendwann in der zweiten Hälfte des Jahres gemacht. Anscheinend ist es wohl auch niemanden aufgefallen, dass ich plötzlich fehlte. Also soweit gut. Mein Rückzug bedeutet allerdings nicht, dass ich den Menschen den Rücken gekehrt habe. Ich werde mit Sicherheit, mit einigem Abstand, mal wieder in einer Gruppe vorbei schauen. Alleine weil ich einfach total neugierig bin.

Dann gab es ja noch das mehr oder minder „normale“ Leben – Einige Menschen traten in mein Leben, einige verließen es, auf eigenen Wunsch. Was mich allerdings bis heute noch ein wenig irritiert, sind Menschen die gehen und dann noch meinen nach zutreten. Als ob man ihnen etwas getan hätte? Ich habe niemanden gezwungen sich mit mir und meinem Leben auseinander zu setzen und wenn man keinen Kontakt mehr haben möchte ist die Entscheidung völlig legitim. Aber bitte, dann sollte man mich auch in Ruhe lassen und nicht anfangen „zu stalken“. Es ist meine Entscheidung, was ich mit anderen teile und was nicht. Leben und leben lassen. Ich habe das Recht mein Leben selbst zu bestimmen.

Nun aber zu einigen positiven Dingen. Ich habe neue Menschen und alte Bekannte besser kennen gelernt. Aus einigen haben sich Freundschaften entwickelt. Andere sind gerade am enstehen. Ich möchte Euch allen Danke sagen, dass Ihr mich so nehmt wie ich bin und danke dass Ihr in mein Leben getreten seid (André, Johanna, Bianca, Mila, Nicole, Hilde, und viele viele mehr). Mit Euch ist mein Leben ein wenig bunter oder auch „schwärzer“ – je nachdem wie man es sieht. 😉

Mein Selbstbewusstsein hat dies Jahr, gleichzeitig mit meinem Passing, einen riesen Schub nach vorne bekommen. Klar hab ich auch schlechte Tage, an denen mir ein „blöder Blick“ die Stimmung verhagelt – aber im Allgemeinen bin ich einfach nur noch glücklich, dass ich ich bin. Die Meinung der Anderen, ist mir meist egal. Hab ich mich schon vor meinem Outing immer klein gemacht und versteckt, so ist es jetzt viel befreiender und schöner. Der Drang Dinge zu erleben, viel größer. Leider klappt es zeitlich meist nur nicht so, wie ich es immer möchte. Es wird aber daran gearbeitet. 😉

Und dann habe ich immer häufiger ein wohliges Gefühl. Es ist schwierig zu beschreiben. Ich habe immer häufiger das Gefühl, dass endlich nach so langer Zeit, alles zusammen passt. Jegliche Bewegung, jegliche Geste – alles was und wie ich es sage entspricht zu 100% mir. Mein Äußeres, kommt zumindest überwiegend, meinem Inneren ich sehr nah. Ich habe keine „Gewissensbisse“ mehr, in die Richtung „hat das jetzt unbedingt sein müssen“ – „Wieso kannst Du nicht einfach normal sein“. Kurz um, ich fühle mich einfach vollständig und richtig. Authentizität!

Authentizität – Ist dass nicht nach was man eigentlich immer sucht, wenn man sich in eine Transition wagt? Man will sich nicht mehr verstellen müssen. Einfach los lassen können und sagen können, es ist gut – so wie es ist. Ich denke, für mich bin ich an diesem Punkt angekommen. Auch wenn noch vieles vor mir liegt – in jeder Sekunde bin ich zu 100% authentisch ich.

Ausblick auf das Jahr 2017

Da hat mich mal wieder die Schreibwut gepackt. Sorry. Typisch weiblich? Egal, in diesem letzten Abschnitt geht es eh nur noch um einen Ausblick für das nächste Jahr. Mein Wunsch wäre natürlich dass es nächstes Jahr zur Geschlechtsangleichenden Operation und evtl. zum Brustaufbau (Brustaugmentation) kommt. Ob es realistisch ist, wird sich zeigen. Aber das wäre so mein persönlich ganz großes Ziel / großer Traum für 2017. Ansonsten möchte ich einfach weiter das Leben mit meiner Familie, ohne größere Probleme genießen können. Vielleicht ein wenig mehr Gesundheit für alle und weniger Stress.

Klar werde ich weiter bloggen und ebenso klar werde ich Euch weiterhin auf dem Laufenden mit meiner Transition halten. Ideen und Pläne habe ich noch so einige und noch längst nicht alle umgesetzt. Aktuell arbeite ich an der Realisierung eines Schminktisches und falls es überhaupt jemand sehen mag – ich überlege schon länger, ob ich nicht mal ein Video meiner Transition von Geburt bis jetzt machen sollte. Schließlich habe ich kein Problem mit meiner Vergangenheit. Sie wird immer ein Teil von mir bleiben. Es zu leugnen wäre in etwa so wie sich selbst als nicht existent zu erklären.

Was möchte ich sonst noch mir als Ziel für 2017 setzen? Abnehmen auf jeden Fall und wenn möglich mehr Zeit mit Freunden verbringen. Wir wollten schon solange einfach gemütliche Abende mit Essen etc. veranstalten. Zustande ist nie etwas gekommen. Zeit dass sich das ändert. Und wer weiß, vielleicht werde ich dann doch noch flügge und geh mal auf Party. Hab ich schon mal gesagt, dass ich null Komma null tanzen kann. Hihi, es wäre ein guter Grund mal damit anzufangen.

Ach ja, und schöne Bilder würde ich auch gerne mal von mir und meiner Liebsten machen. Eins nach dem Anderen. Das Leben ist erst vorbei, wenn es vorbei ist. Träume und Wünsche sollte man immer haben. Man hat nur ein Leben und das sollten man nutzen.

Ein glückliches und frohes Neues Jahr 2017
Ellen

Ellen 2016