… geht es gemächlich weiter in Richtung „Freiheit“ – bzw. in das Leben (24/7) als Frau. Vor nicht mal 6 Monaten war es für mich nicht mal ansatzweise denkbar, dass es für mich möglich ist. Und nun ? Nun bin ich dichter dran als ich es mir hätte vorstellen können. Bin im engsten Kreis mit meinem Outing durch und fange an, es nun Stück für Stück einem erweiterten Kreis zu erklären. Dazu aber gleich mehr. Außerdem habe ich in genau 56 Tagen mein Erstgespräch bei der Psychotherapeutin und bin natürlich entsprechend aufgeregt, ob auch wirklich alles so läuft wie ich es mir vorstelle. Schließlich möchte ich ja nur ernst genommen werden und mich nicht rechtfertigen müssen. Ich weiß, dass sollte nicht der Fall sein, aber die Bedenken habe ich dennoch.

Ich gehe im Normalfall ja nicht mal zum Arzt und nun gehe ich zur einer Person, der ich unter Umständen mein ungeschöntes Innere offenbare. Ich hoffe nur dass die dunklen Gedanken die mich mein Leben lang begleitet haben nicht wieder komplett hoch kommen. Gab es doch viele Momente die ich nicht unbedingt wieder aufwärmen möchte. Na ja, die Zeit wird es zeigen. Viel wichtiger ist es eh, einfach nur akzeptiert zu werden und jemand Außenstehenden zu haben, der mir hilft die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu reflektieren.

Nun dann aber noch zu etwas Positivem. Ich habe es tatsächlich endlich geschafft, mich bei meinem direkten Büronachbarn zu outen. Wurde auch höchste Eisenbahn, schließlich bin ich im Büro bis auf Make-up und Oberteil eigentlich nur noch in Frauenkleidung (Schuhe, Hose, etc.) unterwegs. Darüber hinaus planen wir aktuell in Zukunft noch enger Zusammenzuarbeiten und uns ggf. direkt ein Büro statt zwei zu teilen. Damit würde er mich quasi jeden Tag direkt vor seinen Augen haben. Ich muss dazu sagen, dass er ein relativ ausgeprägtes männliche Verhalten hat – zumindest was seine Macho-Sprüche angeht.

Dem entsprechend war mir dann auch mulmig zu Mute ihm endlich reinen Wein einzuschenken. Ich brauchte mehrere Anläufe. Doch Dienstag letzter Woche habe ich es dann endlich geschafft. Ich habe ihm erklärt, dass ich mich demnächst in psychologische Betreuung begebe, da ich ein Problem mit meiner geschlechtlichen Identität bzw. dem dazugehörigen Körper habe und es nicht mehr unter den Teppich kehren kann ohne daran kaputt zu gehen. Ich sagte ihm dann noch, dass ich hoffe, dass er trotzdem weiter mit mir zusammen arbeiten möchte. Ich aber auch Verständnis dafür habe, wenn er sagt er kommt damit nicht klar. Schließlich ist es auch nicht ganz normal, dass sich jemand in unserer Gesellschaft in diesem Zusammenhang outet.

Meine Gedanken rotierten, als ich auf seine Antwort wartete. Und wieder einmal wurde ich überrascht. Er erklärte mir, dass er schon lange damit gerechnet hätte und dass er schon längst mitbekommen hat, dass etwas in Gange ist. Auch hatte er die Vermutung, dass es in die Richtung geht. Als er mir dann noch sagte, dass er das schon vor ein paar Jahren gemerkt hat und nicht erst aktuell – auch wenn es aktuell schon viel auffälliger wäre – dachte ich mir : „Wieso haben es alle vor mir gemerkt, bevor ich es überhaupt zugelassen habe?“ – Ich hab doch immer versucht, die Frau in mir so gut wie es geht zu unterdrücken und alles weibliche zu verbannen.  Da kommen dann einem schon Gedanken wie „Wozu habe ich allen etwas vorgemacht, wenn es anscheinend offensichtlich war?“

Sei es drum, es ist Geschichte. Auf jeden Fall, meinte er auch weiterhin mit mir arbeiten zu wollen und er kein Grund sehe warum er dass ändern sollte. Denn ich bleibe ja weiterhin der gleiche Mensch, leiste die gleiche Arbeit und mit dieser ist er mehr als zufrieden. Was für eine Last viel mir vom Herzen. So bin ich wieder ein kleinen Schritt weiter und kann mir schon einmal sicher sein, dass ich auch weiterhin einen meiner Kunden behalten werde.

Trotzdem bleibt noch ein Wermutstropfen. Bei den Vermietern des Büros bin ich noch nicht geoutet, also kann ich noch nicht komplett als Frau ins Büro kommen. Auch wenn ich das so gerne möchte. Mittlerweile wäre es nur noch schön, auch den letzten Rest Mann zu begraben und sich endlich ganz auf Frau sein konzentrieren zu können. Nun sei es drum. Es gibt halt aktuell Dinge, die es nicht ermöglichen – Wie z.B. eine geplante größere Anschaffung, bei der Bank dem Mann noch einen Kredit bewilligen müsste. Bis dahin heißt es wohl einfach die Füße still halten und eben so gut es geht die Zeit zu überbrücken.

In diesem Sinn eine recht zufrieden
Ellen

P.S. Noch 56 Tage … und ich hab mit Glück auch schon eine Überweisung zur Endokrinologie <3