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ier kommt er nun – der vor erst letzte Teil von meinem „Tagebuch meiner Geschlechtsangleichenden Operation„. Viel habe ich bis zu diesem Zeitpunkt erlebt, erduldet und sogar vielleicht ertragen?! Der Weg war weit, steinig, voller Hürden und vor allem schwerer als erwartet. Hat es sich dennoch gelohnt die Risiken der Operation einzugehen? Ja und wie!! Ich würde es jederzeit wieder tun – aber dazu dann irgendwann später mehr. Es wäre ja schade, wenn ich Euch jetzt alles vorweg nehme.

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen.  Natürlich würde ich mich wie immer über Rückmeldungen, Kommentare oder E-Mails freuen.

Es ist soweit ..

Wieder ist es Sonntag im Krankenhaus – mein dritter in Folge übrigens. Zeit verliert eben dann doch irgendwann seine Bedeutung. Doch dieser Sonntag ist anders als alle anderen zuvor. Heute ist es endlich nach so langer Zeit so weit. Der drückende, schmerzende und total lästige Blasenkatheter wird endlich entfernt! Es hält mich kaum im Bett vor Vorfreude. Wen wundert es dann, dass ich diese Nacht noch unruhiger geschlafen habe als alle anderen Nächte zu vor?

Es ist kurz vor 6:30 Uhr und ich sitze voller Ungeduld und Nervosität im Bett. Anspannung pur, als sich die Tür zum Krankenhausflur langsam öffnet und die Nachtschwester zur einer letzten Runde das Zimmer betritt. „Guten Morgen die Damen! Ich soll hier heute bei ihnen die Katheter ziehen?“. Es ist soweit! Ich freu mich wie ein kleines Kind. Es ist noch alles so surreal. Doch leider ist meine Bettnachbarin als erstes dran. Gemein!! Ich warte doch schon viel länger.

Etwas schmollend und neidisch blinzel ich zum anderen Bett hinüber und beobachte wie bei ihr der Katheter gezogen wird. Sie zeigt überhaupt keine Reaktion. Gerade so, als ob es das natürlichste der Welt ist. Hatte sie mir nicht gesagt, dass es brennen würde? Vielleicht hat sie ja auch einfach nur Übung. Schließlich war es bei ihr ja auch schon die Korrektur OP.

Die Schwester kümmert sich noch um den Verband meiner Nachbarin und dann ist es soweit. „So Frau Herbes, dann sind Sie jetzt dran“. Ja ? Nein? Hilfe!! Ich bin dann doch ein Angsthase. Hoffentlich tut es nicht so weh. Ich sehe noch wie sie die Spritze an den Katheter ansetzt und die Luft entweichen lässt. Der Druck in der Blase lässt augenblicklich nach. Gerade so, als ob man bei einem Ballon die Luft entweichen lässt. Erleichternd!

Doch – Oh Schreck. Jetzt zieht sie dran. Wo sind die Griffe zum festhalten? Notgedrungen schnappe ich mir das Bettlaken und kralle mich daran fest. Dies Gefühl, wenn der Katheter gezogen wird, wird sicher keins meiner Lieblingsgefühle. Eine Mischung aus brennen und reißen. Aber ich habe es geschafft. Das blöde Ding ist endlich raus!!! 18 Tage Blasenkatheter ich hab es geschafft, bzw. überlebt. So schnell will ich das nimmer.

Die Nachtschwester verabschiedet sich mit dem Hinweis, dass wir uns melden sollen, wenn wir „Spontan-Urin“ hatten. Spontan? Man lernt nie aus. Sie meint, wir sollen uns melden, wenn das Pipi machen problemlos funktioniert und ob wir aus Klo konnten. Aber danach ist mir gerade gar nicht. Die Blase ist zwar noch komplett leer, aber ich habe das Gefühl als ob mir ein paar Tropfen unkontrolliert entweichen. „Bitte nicht“ – denke ich mir und greif panisch nach unten. Uff! Es ist alles trocken. Da hab ich dann wohl noch mal Glück gehabt.

Aber jetzt will ich es dennoch wissen und trinke Pflichtbewusst eine große große Menge Wasser. Ich will ja unbedingt auf Toilette. Und tatsächlich es klappt. In kürzester Zeit hat sich so viel Flüssigkeit in der Blase gesammelt, dass ich erwartungsvoll auf die Toilette verschwinde. Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie schön es ist wenn man sich – ohne ständig irgendwo hängen zu bleiben – frei bewegen kann. Kein Schlauch, Kein Beutel. Ich bin frei.

Doch wie frei wirklich merke ich erst auf der Toilette selber. Es läuft und wie es läuft. Nicht nur, dass der Urin die Blase verlässt – Nein – in meinem Kopf löst sich alles. Mir stehen die Tränen in den Augen und ich hab es schwer mich selbst zu kontrollieren. Es fühlt sich einfach alles so verdammt richtig an. Und was noch verwirrender ist, es fühlt sich so an – als ob es schon immer so war, schon immer so sein sollte. Ich fühle mich einfach angekommen!!

Wie erklärt man es jemanden, der das Gefühl nicht kennt? Sich vollständig zu fühlen. Quasi das letzte Steinchen in einem Mosaik eingesetzt zu haben. Es ist einfach unbeschreiblich. Und nein ich hätte nicht vorher gedacht, dass diese Operation sowas in mir auslösen hätte können. Ich wusste ich mach die Operation für mich. Ich wusste ich brauche sie um mich nicht ständig selber zu quälen. Nur dass es sich so richtig – so einfach ich – anfühlt – hätte ich nicht zu träumen gewagt.

Die Entscheidung für die GAOP war für mich persönlich also mehr als richtig und ein voller Erfolg. Ein Grund zu feiern? Und ob, das ein Grund zu feiern ist! Außerdem wird meine Zimmernachbarin morgen aus dem Krankenhaus entlassen. Was liegt dann also näher als das wir uns gemeinsam Pizza bestellt haben? Ein schöner Tag mit einem schönen Abschluss.

Es geht los ..

Wieder alleine auf dem Zimmer. Irgendwie ist es ja schon normal. Ich begrüsse die Patienten und verabschiede sie ein paar Tage später wieder. Irgendwie fühle ich mich mittlerweile wie ein Stück vom Inventar. Hoffentlich bekomme ich nicht bald eine Inventar-Nummer und werde irgendwo in ein Regal als Ladenhüter einsortiert. Ich glaube das wird schon nicht passieren. Schließlich ist der Katheter endlich weg!

Ich bin so mobil wie schon lange nicht mehr. Die neue Freiheit nutze ich auch gleich und bringe einen Brief zum Postkasten. Die ersten Schritte außerhalb des Krankenhauses. „Hallo Welt – Hier bin ich wieder“.  Es ist sowas von befreiend und es tut so gut, nicht mehr immer nur die gleichen Wände zu sehen. Der Frühling drückt mit aller Macht – was sich in den drei Wochen draußen so alles getan hat.

Doch lange ist der Ausflug nicht. Es ist ja noch Visite und heute geht es ans bougieren. Ob es mir hilft, dass ich ganz am Anfang bei meiner damaligen Zimmernachbarin gut aufgepasst habe? Ach und wenn nicht, wird es mir eine Schwester nach der Visite bestimmt erklären. Jetzt gehe ich mich erstmal etwas unterhalten und ablenken. Ich bin immer noch dankbar, dass ich gefühlt nicht mehr  gänzlich allein auf dieser Station bin.

Zeitsprung – Es ist Nachmittag und die Visite steht an! Einmal mehr eine Runde spülen und Sichtkontrolle. Auf dass, was dann passierte war ich allerdings so überhaupt nicht vorbereitet. „Ich mache es Ihnen etwas leichter“ und schwubs zog der Chefarzt schon die ersten Fäden. Aua! Angenehm ist wirklich etwas was anderes. Doch weil er schon mal dabei war, schaute er sich die nekrotischen Stellen an. Stellte fest, dass sich neue Haut drunter gebildet hatte und entfernte die auch.

Ein Glück das ich das nicht spürte. Auf jeden Fall war er sichtlich zufrieden. Wenigstens was ..!! Doch auf das was dann folgte war ich noch weniger gefasst. Das erste Mal bougieren. Ich bekam erklärt was ich zu beachten habe und in welcher Reihenfolge was zu erledigen ist und schon wurde das erste mal der kleinste Stent in mich eingeführt. Um Himmelswillen … was für ein Gefühl.. als ob es mich gleich zerreißt.

Bei den Gedanken das ich noch zwei größere Bougierstäbe habe wurde mir ganz anders. Aber lange Zeit drüber nachzudenken hatte ich nicht. „So Frau Herbes, nun sind Sie selber dran es zu probieren“. Wie bitte? Okay, zaghaft probierte ich es und wurde dann auch gleich zurecht korrigiert. Zum Glück hatte man mit mir Geduld und ich bekam es dann doch hin. Beim Gehen wurde mir dann noch gesagt, dass ich zur Beobachtung allerdings noch ein paar Tage bleiben sollte. Erstens wolle man sehen, ob das Bougieren klappt und zum Anderen möchte man noch die Wundheilung etwas beobachten.

Mit schlotterigen Beinen machte ich mich dann auf dem Weg ins Bett. Dort angekommen vibrierten meine Muskeln noch lange nach. Wie soll das bloß noch werden? Wenn das mich jetzt schon so fertig macht? Auf jeden Fall hab ich dann vorsorglich meinen Fahrdienst nach Hause für Mittwoch wieder abgesagt. Man sollte doch nicht so viel Hoffnung haben.

Zeitsprung – Wer weiß, vielleicht war es Frust und Wut ?! Auf jeden Fall klappte das Bougieren ohne Probleme und der Stent ging bis auf ca 4cm komplett rein. Ich weiß nicht ob es gut ist… aber ich bin da jetzt ehrgeizig. An dem Aufdehnen soll es sicher nicht liegen, dass ich noch länger hier bleiben soll. Mir reicht es jetzt endgültig. Aber zur Sicherheit gebe ich der Schwester bescheid, dass das Bougieren keine Probleme macht und wie weit der Stent rein geht.

„Optimal“ – sagt sie und zeigt mit dem Daumen nach oben. Zufrieden schlafe ich ein und bin mir sicher, eine Woche werde ich hier nicht mehr sein.

 Das Unerwartete passiert …

Punkt aus – nun bin ich völlig von der Rolle. Gestern hieß es doch noch – „Noch ein paar Tage zur Beobachtung“? Und jetzt ? Morgen früh darf ich nach Hause! Die Ärztin die gerade Visite gemacht hat ist mit dem Ergebnis so zufrieden, das sie sogar meint ich bräuchte keine Korrektur Operation und könne sofort nach Hause. Sehe ich zwar etwas anders aber gut. Ich werde jetzt sicherlich keine Widerworte geben und nehme die Entlassung aus dem Krankenhaus gerne an.

Mein Heimweh ist einfach viel zu groß. Doch ich bin nicht die einzige Patientin die total verwirrt ist. Manchmal kommt es doch überraschender als alle anderen Denken. Ach ja und ein Glück, dass ich meinen Fahrservice, den ich gestern noch abgesagt habe, wieder reaktivieren konnte. Morgen geht es Heim!! Hurra.. nur mit dem Schlafen wird es wohl nichts.. Dafür bin ich viel zu sehr aufgekratzt.

Und leider heißt es nun auch Abschied nehmen von lieb gewonnen Schwestern und anderen Patientinnen. Ach ja, das Bougieren klappt übrigens weiterhin einwandfrei. Hat es wohl doch nichts mit Frust zu tun gehabt.

Auf nach Hause …

Abschiede tun weh …  klar komme ich zur Korrektur OP wieder hierher. Zumindest ist so mein Plan. Aber ich werde viele der Patienten so schnell nicht wieder sehen – 23 Tage war die Station ein Stück weit mein zu Hause. Ich habe hier viel erlebt. Viele Tiefen und Höhen aber auch den Moment meiner „zweiten Geburt“.  Wie ich es vermutet habe konnte ich heute Nacht nicht schlafen.

Ich drehte meine einsamen Runden über den Flur. Die Anspannung der letzten Tage begann zu entweichen und mit ihr flossen die Tränen. Ich komme Heim. Heim zur Familie, Heim zu meiner Liebsten. Man weiß Menschen erst wirklich zu schätzen wenn sie nicht bei einem sind. Gedanken.. ich hab versucht sie zu unterdrücken. Tief atmend laufe ich weiter über den Flur?

Wie viele Kilometer ich hier wohl abgelaufen habe? Einige werden es wohl gewesen sein. Ich trinke einen letzten Kaffee mit der aktuelle Nachtschwester. Sie wird mir fehlen. In meinem Kopf herrscht Chaos. Freude, Trauer, Hoffnung und die Sicherheit zu haben am Ziel zu sein. Die Reise meiner GAOP – zumindest des ersten Teils endet hier und jetzt. In wenigen Stunden werde ich abgeholt.

Wen werde ich wieder sehen? Es ist kurz vor 6:30 Uhr – Die Schwester möchte bei einer Freundin den Katheter ziehen. Ich stehe laufe draußen auf dem Flur. Wenige Augenblicke später ist sie wieder aus dem Zimmer. Die Freundin fürchtet sich noch etwas. Doch ein paar Minuten später hat auch sie den Mut und schafft es. Ich freue mich für sie.  Eine wichtige Etappe. Von jetzt an geht es schnell und sie darf auch nach Hause.

7:30 Uhr – Meine letztes Frühstück. Ich packe meinen Koffer und unterhalte mich die letzten Stunden mit den Mädels vom Zimmer schräg gegenüber. Noch immer habe ich den Nachgeschmack von der Patientin die unaufgefordert in mein Zimmer kam und mir sagte ich würde ach auch so „männlich“ aussehen. Wie kann man nur.  Ich habe viel erlebt. Ich habe viel durchgemacht. Aber ich bin jetzt mehr ich als jemals zu vor.

Um 12:30 ist mein Fahrservice da. Ein letzter Drücker ein letztes „Auf Wiedersehen“ und die Heimfahrt beginnt. Die Etappe meines Lebens habe ich geschafft. Was ich allerdings nicht geschafft habe ist diese verfluchte Autofahrt. Ich spüre jede Bodenschwelle, jedes nicht so weiches Bremsen. Wann bin ich endlich zu Hause? Ich mag nicht mehr. Eine Toilette und zwei Stunden fahrt später habe ich es geschafft.

Ich bin Daheim. In den Armen meiner Liebsten. Bitte halt mich fest .. halt mich. Ich hab Dich so vermisst. Die Tränen kennen kein halten mehr und laufen ungehemmt. Ich bin wieder da. So schnell gehe ich nicht mehr fort. Nun spüre ich mit voller Härte endgültig wie sehr mir das Krankenhaus zugesetzt hat. Ich muss nicht mehr funktionieren ich kann den Druck vom Kessel nehmen. Daheim! Endlich!

Ich hoffe Euch hat das Tagebuch ein wenig gefallen und Ihr seid weiterhin dabei, wenn ich wieder beginne über meinen „normalen“ Alltag zu schreiben.

Liebe Grüße
Ellen