Transsexuell und nun …?

nun stehe ich hier. In der zweiten Hälfte meines Lebens. Weiß und akzeptiere endlich was mit mir los ist. Doch kann ich das alte Leben nicht los lassen. Zu groß die Angst die Person zu verlieren die mir alles bedeutet. Ihr vor den Kopf zu stoßen und für immer zu verprellen. In meinem Kopf spuckt es schon lange. Hin und wieder kommen düstere Gedanken. Gedanken denen ich nicht nachgeben will und werde. Meine Tochter braucht mich.

Ich frage mich ab und zu – kann man mit dem Bewusstsein klar kommen transsexuell zu sein und doch nicht als Frau zu leben ? Der Konflikt frisst einen von Innen heraus auf. Ich versuche es so gut wie es geht zu unterdrücken. Traurigkeit kommt in mir auf. Eine tiefe Traurigkeit. Ich weiß nicht wie ich es machen soll. Dann kommen wieder Momente in denen alles aus mir raus will. Ich allen in Gesicht schreien will – SEHT MICH AN, SO BIN ICH – Der Verstand sagt dann wieder HALT !

Ich möchte es zumindest meiner Partnerin sagen. Doch auch hier überwiegt die Angst. Sie ahnt ohne hin schon so einiges. Nagellack, rasierte Beine, Arme und Frauenkleidung lassen die Vermutungen in ihr Früchte tragen. Wieso bin ich nur so kompliziert. Ich weiß ich war nie einfach. Ich begriff es nur nicht wieso. Habe 39 Jahre gebraucht um das endgültig zu erkennen. Wie kann ich dann erwarten das sie mich verstehen kann ?

Balsam für meine Seele sind die Augenblicke in denen ich allein daheim sein kann wie ich will. Wenn ich mich zurecht mache und wieder die Frau in mir sehe. Keiner sieht mich wie ich wirklich bin.

Letzte Nacht kommt es fast zum Eklat. Sie äußert ihr Bedenken was mit mir los. Sie möchte von mir eine Stellungsnahme. Ich beschönige es und versuche es herunter zu spielen. Man merkt ihr an, dass sie im Augenblick mit der ganzen Wahrheit nicht zurecht kommen würde. Ich lüge. Lüge um sie zu schonen. Lüge um mich zu schützen. Alles in meinem Kopf dreht sich. Ich hab das Gefühl gleich Ohnmächtig zu werden. Sie fragt explizit ob ich eine Frau sein will – ich antworte: „ich weiß es nicht“.  Sie fragt wie ich mich fühle, ob als Mann oder als Frau. Auch hier bleibe ich nicht bei der Wahrheit. Ich erzähle das ich mich als nichts fühle. Als Neutrum zwischen den Welten. Zumindest fühle ich mich aktuell so.

Ihre Aussagen, sie will einen Mann – Wenn sie mich heiratet will sie in 10 Jahren nicht neben einer Frau aufwachen – Treffen hart. Ich versuche zu beschwichtigen. Das ich immer ich sein werde. Immer die Person die sie liebt. Keine zufriedenstellende Antwort für sie.

Die restliche Nacht wird unruhig. Für Sie und für mich. Wobei ich es mittlerweile gewöhnt bin kaum zu schlafen. In der früh geht sie zur Arbeit. In meinem Kopf bleibt die Angst. Sie vermutlich genauso verängstigt und zumindest beunruhigt. Ich schreibe ihr noch eine Nachricht per Whatsapp: „lass mich nicht fallen“ und weine erstmal.

In meinen Kopf rührt sich der Gedanke – Du hast 39 Jahre geschafft – Du schaffst auch 39 weitere Jahre als Mann. Schauen wir wie es sich weiter entwickelt.

Endlose Traurigkeit und Furcht. Furcht vor dem was noch kommt.

3 Kommentare zu “Transsexuell und nun …?

  1. Hi Ellen,

    du beschreibst hier,wie deine Partnerin reagierte. Den Satz, „sie will einen Mann – Wenn sie mich heiratet will sie in 10 Jahren nicht neben einer Frau aufwachen “ hab ich damals von meiner Partenerin auch zu hören bekommen,mit dem Unterschied,daß sie gegangen ist. Auch hab ich die gleichen Halbwahrheiten erzählt,um SIE zu schützen?Oder nur mich selbst?
    Was ich daraus gelernt habe? Offenheit,Ehrlichkeit sind das Maß der Dinge. Ich habe mir vorgenommen,daß ich es mit Rebecca so halten werde,auch wenn es mal weh tut. Und zum Glück denkt sie genauso !
    LG Bianca

  2. Hallo Ellen,

    auch wenn der Beitrag schon älter ist, finde ich alles hier auf deinem Blog sehr interessant wie informativ 🙂

    Ich bin 28 und meine erste wirkliche Liebe ist mit meinem jetzigen Freund, den ich im Frühjahr kennengelernt habe. Davor war alles inklusive meinen Ex-Freundinnen nur Fassade. Es war mehr wie Freundschaft, ohne Sex, daher hielt es nie lange. Es war lediglich experimentell und hatte mir nie Freude bereitet mit einer Frau sexuell intim zu werden. Mit Männer deswegen nicht, weil ich alles Männliche inklusive andere Männer abgelehnt habe. Statt mich früh schon zu outen habe ich mich radikal aus Furcht und Scham wohl sehr radikal darin verhalten. Freundschaften waren nur selbst mit Frauen oft nicht sehr stabil, da ich mich aus deren Sicht immer seltsam als Mann benahm. Rückblickend hatte ich hier eher ein schlechtes Passing mit meinem biologischen Geschlecht, ich „musste“ alles was weiblich hätte wirken können ausblenden. Da ich männliche Kontakte sowie auch alles Männliche an mir abgelehnt habe, kamen daher immer nur Frauen infrage mit denen ich mich identifizieren konnte. Männer konnten mich gänzlich nie verstehen. Aufgrund meiner Einsamkeit war so eine „Beziehung“ der einzige Weg scheinbar früher für mich dieser zu entliehen. Ohne Alkohol, Drogen etc.

    Ich habe nun das Glück einen Freund zu haben, der mich als Frau sieht und akzeptiert, mich unterstützt in allem und nur deswegen liebt, weil ich eine Frau bin. Vor seiner Familie bin ich einfach die Natascha. Meine Vergangenheit zählt einfach nicht und wirklich niemand hält sich da großartig auf, falls es denn überhaupt auffällt. Das erfüllt mich mit Glück, Stolz und unendlicher Liebe 🙂

    Nun klar ist auch, das Sexualität nichts mit sexueller Orientierung zu tun hat. Jedoch verwundert es mich, de facto gleichgeschlechtliche Zuneigung und Liebe zu entwickeln, ja sogar Sex mit einem gleichgeschlechtlichen Partner auszuüben, wo man doch im „falschen“ Körper geboren wurde und ihn hasst. Da stellt sich dann für mich doch die Frage, wie nahe das biologische mit dem innerlichen psychologischen Geschlecht zusammen passt. Ich hatte früher immer meine Zuneigung zu Männern unterdrückt, weil ich als Frau und nicht als Mann geliebt werden wollte. Alles andere war und wäre sehr abtörnend für mich gewesen 🙂

  3. Liebe Natascha, Du erinnerst mich sehr an „Denise“ im wirklich empfehlenswerten (und gut geschriebenen Buch) Buch „Telefonate mit Denise- eine Transsexuelle erzählt ihr Leben“. Antworten auf Deine Fragen findest Du meiner Meinung nach dort, da ihr Lebensweg Deinem ziemlich ähnelt. Auch diese Fragen hatte sie sich gestellt.
    Liebe Grüße!

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